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Nächstes Konzert: Antisowjetische Avantgarde

Danubium Tulln
7. 5. 2022, 19.30 Uhr
Tickets:
oeticket.com

Magdalena Simmer, Neelam Brader, Milena Pumberger: Gesang
Daria Nosik: Rezitation
Jazzband und Symphonieorchester des JSO Tulln

Rodion Shchedrin: Carmen-Suite
Alfred Schnittke: Gogol-Suite
Sofia Gubaidulina:
Revuemusik für Symphonieorchester und Jazzband (österr. Erstaufführung)
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Von Igeln und Füchsen

Einführende Gedanken zum Konzertprogramm sowie zur Frage, ob russische Kunst in diesen Zeiten Legitimation besitzt

Mit Rodion Shchedrins Carmen-Suite (1967), Alfred Schnittkes Gogol-Suite (1980) und Sofia Gubaidulinas Revuemusik für Symphonieorchester und Jazzband (1976) bringen wir drei Werke auf die Bühne, die äußerlich wenig miteinander zu tun haben. Auf den ersten Blick befremdet derzeit vielleicht die/den eine*n oder andere*n die Tatsache, hier ausschließlich mit Komponist*innen aus der UdSSR zu tun zu haben. Auf den zweiten Blick schaut die Sache allerdings ein wenig komplexer aus.

Shchedrin (*1932) lebt in München, Gubaidulina (*1931) in Schleswig-Holstein, Schnittke (1934–1998) lebte in Frankfurt. Sie gelten gemeinsam mit Edison Denissov (1929–1996), der in Paris lebte, als die bedeutendsten sowjetischen Komponist*innen der Generation nach Prokofiev und Schostakowitsch. Alle emigrierten.

Es lohnt daher ein Blick auf die Denkschule der aus der UdSSR ausgewanderten Künstler*innen und Denker*innen. Ein Ansatz dazu findet sich im russischen Philosophen und Literaturwissenschafter Mihail Bachtin (1895–1975), der in der Literaturkritik das geeignete Werkzeug erkannte, jene philosophischen Topoi zu verhandeln, die anderweitig der Zensur des Stalinismus zum Opfer gefallen wären: Dialogizität, Intertextualität, Polyphonie. Bachtin vertrat die These, mit Fjodor Dostojewski (1821–1881) sei eine Art der Literatur entstanden, die erstmals philosophische, gesellschaftliche, politische und moralische Überlegungen auf künstlerischer Ebene verhandelte. Seine Romane sind mit unzähligen Figuren bevölkert, welche miteinander in Kontakt treten, diskutieren, Weltsichten austauschen. Es sind Liberale, Konservative, Vaterlandstreue, Durchgeknallte usw., die im Dialog eben jene Polyphonie und jenen Pluralismus entstehen lassen, der die exilrussische Intelligenzija bis heute prägt. Oder anders gesagt: Was in westlichen, liberalen Staaten als normal gilt – freie Meinungsäußerung, politischer Widerstand, philosophischer Disput – spielte sich im wenig liberalen Russland zwangsläufig auf der Ebene der Kunst ab. Umso wichtiger, das Werk russischer Künstler*innen genau im Blick zu haben, behandeln sie doch oft jene Themen, die aus diversen Gründen nicht in der Öffentlichkeit oder im geisteswissenschaftlich-universitären Diskurs verhandelt werden können bzw. dürfen.

Ähnlich wie Bachtin argumentierte in seinen Schriften auch der weltberühmte und prägende Filmregisseur Sergej Eisenstein (1898–1948), der mit dem im ukrainischen Odessa spielenden Film Panzerkreuzer Potemkin (1926) einen der wichtigsten und ikonischsten Beiträge zur Filmkunst vorlegte. Seine Montagetechnik funktioniert gänzlich anders als jene des amerikanischen und europäischen Erzählkinos. Während westlichen Filmemachern eher daran gelegen ist, eine Geschichte stringent und verständlich zu erzählen, montiert das russische Kino Einstellungen und Bilder, die in Kombination miteinander einen neuen gedanklichen Inhalt erschließen. Deren Erzählweise ist kollageartig und herausfordernd und soll im Publikum Assoziationsketten auslösen sowie ästhetische Gewohnheiten infrage stellen. Das Gegenteil eines gewöhnlichen Hollywood-Films.

Der aus Riga stammende und nach Oxford emigrierte Philosoph Isaiah Berlin (1909–1979), der als einer der wichtigsten Vertreter des angloamerikanischen Liberalismus gilt, deutete dies – so Wolfram Eilenbergs These – in seinem weltberühmten Essay über Leo Tolstoi Der Igel und der Fuchs. »Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß ein großes Ding.« Füchse bestaunen die unendliche Pluralität, während Igel versuchen, alles auf ein gesamtes System zurückzuführen. Dies sei – so Eilenberg – eine Spannung, in der die russische Gesellschaft und Geistesgeschichte seit jeher stecke.
Beispielhaft bildet sich dies im Moskauer Konzeptualismus ab, einer Kunstströmung, die ausgehend von Intellektuellen wie Boris Groys (*1947) in den späten 1970ern entstand und – geprägt von Intertextualität und dem Verschwinden der Grenzen zwischen Massen-, Pop- und Hochkultur – das klassische russische Kunstverständnis nachhaltig stresste. Deren bekannteste Vertreter*innen mussten emigrieren (z. B. Ilja Kabakow) bzw. waren und sind dauernden Repressalien ausgesetzt. So wurde etwa Dmitri Prigow (1940–2007), der heute von den Pussy-Riots zitiert wird, laufend vom KGB drangsaliert und inhaftiert. Auch Wladimir Sorokin (*1953), der international zu den bedeutendsten Schriftsteller*innen der Gegenwart zählt und seit Jahren als Nobelpreiskandidat gehandelt wird, wurde in Russland des Öfteren zensuriert bzw. verhaftet. Putinnahe Gruppen organisieren sogar öffentliche Büchervernichtungen von Sorokins postmodernen, satirischen und grotesken Romanen. Wahrscheinlich ist Sorokin ein Fuchs, der zeitlebends ein Igel sein will – indem er mittels absurd-komischer und verstörender Science-Fiction den Finger immer in die gleichen Wunden legt: Kleptokratie, staatliche Gewalt, Unfreiheit, Lüge.

Jedenfalls zeigen sich Parallelen zum ukrainischen Schriftsteller Nikolai Gogol (1809–1852), dem Alfred Schnittke in seiner Gogol-Suite ein Denkmal setzte. In seinen Komödien und bizarren, phantastischen Geschichten arbeitete sich Gogol satirisch an der grassierenden Korruption, Verlogenheit und Selbstsucht im zaristischen Russland ab. In Schnittkes Suite – einem kunterbunten Haufen aus Zitaten und waghalsigen Montagen – geschieht Ähnliches: Es beginnt lustig und skurril; doch irgendwann weiß man nicht mehr, ob man lachen oder sich fürchten oder traurig sein soll.
Igel oder Fuchs?

Rodion Shchedrin drückte der russischen Gesellschaft auf andere Art seinen Stempel auf. Seine Carmen-Suite wurde nach ihrer Uraufführung verboten, denn sie brach mit beinahe allem, was die Schwanensee-geeichte russische Ballettkultur auszeichnete. Diese Carmen brachte erstmals viel nackte Haut auf die Bühne, die Tänzer*innen zeigten sich in unzweideutig nicht jugendfreien Posen. FSK 18 – für die damalige Zeit wohlgemerkt. Im Nachgang stellt Shchedrins Carmen für viele Rezensent*innen den Auftakt zur sexuellen Revolution in Russland dar. Trotz aller damaliger Zensur vergeht laut Shchedrins Notenverlag gegenwärtig kein Tag, an dem seine Carmen-Suite nicht irgendwo auf der Welt aufgeführt wird – meist als Konzertstück, seltener als Ballett.

Auch Sofia Gubaidulinas Werke waren in der UdSSR jahrelang verboten, obgleich sie selbst im Ausland mit Preisen überhäuft wurde. Man liegt wahrscheinlich nicht falsch, sie als bedeutendste lebende weibliche Komponistin zu bezeichnen. Ihre sphärischen und oft religiös geprägten aber klanglich und inhaltlich ungemein intensiven Werke sind aus ernstzunehmenden Konzertprogrammen nicht mehr wegzudenken. Umso erstaunlicher ist ihre Revuemusik für Symphonieorchester und Jazzband. Einerseits ist sie – völlig untypisch für Gubaidulinas Œvre aber ganz im Sinne des Moskauer Konzeptualismus’ – eine erstaunlich trashige Mischung aus orthodoxem Gesang, Jazzmusik, amerikanischer Filmmusik und russischer Lyrik. Vielleicht erinnert man sich dabei an das Stimmengewirr eines Dostojewski, aber auf jeden Fall hört man, wie sich die russische Jugend der 1970er-Jahre ein Leben in Freiheit vorgestellt haben mag. Andererseits – und das ist wirklich erstaunlich angesichts der Bedeutung Gubaidulinas – wurde dieses Werk in Österreich noch nie aufgeführt. Warum das so ist, darüber lässt sich nur spekulieren. Egal: Wir vom JSO Tulln spielen die österreichische Erstaufführung dieses Werks. Wir freuen uns extrem darauf.

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HURRA! Unsere erste CD ist fertig! Mit großem Aufwand eingespielt, geschnitten und gemastert, liebevoll gestaltet und professionell gebrannt. Also rundum gelungen! Und zudem sind zwei unserer Lieblingswerke drauf! Die unvergleichliche 7. Beethoven – der klassische Orchester-Hard-Rock schlechthin – sowie die Kammersymphonie von Werner Pirchner, die wie kaum ein anderes Werk zeitgenössischer Musik den Weg zwischen österreichischer Volksmusik und der Kunstmusik geebnet hat und dabei mit unheimlich viel Spaß und Witz zu Werke geht. Kurz gesagt: zwei Werke wie für das JSO gemacht.

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Unsere nächste Tournee

Hurra! Es geht wieder los mit Konzertreisen und dem Geruch von salziger Meeresluft, Lavendelfeldern und fangfrischem Fisch!
Es geht von 28. Juni bis 4. Juli an die Cote d’Azur zum Festival Les Anches d’Azur. Cool, oder? Genau: Besser geht’s nicht.
Auf dem Programm stehen u. a. das Warsaw Concerto von Richard Addinsell, das Capriccio Italien von Tschaikowski, Mozarts Figaro-Ouvertüre und noch einiges anderes, an dem wir gerade arbeiten. Weitere Infos folgen!
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Das JSO Tulln spendet von jetzt an 20% aller Karteneinnahmen an ClimateAustria und unterstützt damit Klimaschutzprojekte in Österreich und der ganzen Welt. Wenn Sie also ein Konzert des JSO besuchen, können Sie sicher sein, gleichzeitig einen finanziellen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.
Eine Win-Win-Situation: Gute Musik und besseres Klima mit dem JSO!
Die Abrechnung wird jährlich auf dieser Website veröffentlicht. ClimateAustria steht für nähere Auskünfte zu den geförderten Projekten gerne zur Verfügung.